Hansekulturen

Die Urbanisierung an der südlichen Ostseeküsten zwischen dem 11./12. und 13./14. Jahrhundert

Urbanisierung und UrbanitätDer Ostseeraum erfährt in der Zeit zwischen dem 11./12. und 13./14. Jahrhundert einen grundlegenden Wandel, der mit Begriffen wie "Europäisierung" oder "Hanseatisierung" plakativ umschrieben wird und neutral als "hochmittelalterlicher Strukturwandel" bezeichnet werden kann. Das Meer vereint seit Alters her Faszination wie Furcht des Menschen vor den Elementen. Die Stadt am Meer ist Ausdruck dieser ambivalenten Beziehung, und in ihr treffen wirtschafts- und machtpolitische Prozesse auf die naturräumlichen Bedingungen.

Dies gilt für die heutigen Seestädte ebenso wie für diejenigen des Mittelalters. Einige dieser Städte liegen unmittelbar am Meer, andere an Flussläufen, doch ihr gemeinsames Merkmal war und ist, dass sie Angelpunkte binnenländischer  und maritimer Transportzonen bilden. Die See- und Hafenstädte an der Ostseeküste öffnen sich dem Meer, ihre Entwicklung war von den Möglichkeiten wie den Gefahren des Meeres bestimmt.

An der südlichen Ostseeküste entstehen auf autochthonen Wurzeln und vor dem Hintergrund von Landesausbau und Territorialisierung, flächendeckender christlicher Durchdringung und neuen ökonomischen Formen Rechtsstädte von der Kieler Förde bis in das Baltikum hinein. Indem Stadtkonzepte aus Westeuropa übernommen und modifiziert bzw. weiterentwickelt wurden, entstand jener Typ von "civitas maritima", der auf der Grundlage eines bereits früher eingeleiteten Urbanisierungsprozesses das eigentlich Neue bildete.

Ziel des Forschungsprojektes ist es, neben strukturellen Gemeinsamkeiten der Urbanisierung an der südlichen Ostseeküste auch deren Unterschiedlichkeit und Vielfältigkeit aufzuzeigen, um die "local level strategies" der Akteure herauszustellen. 

Ansprechpartner: Prof. Dr. Ulrich Müller

Semantiken materieller Kulturen

Wer kennt es nicht – die Frage, wie die Fernbedienung funktioniert oder wo sich was auf dem Handy befindet? Gegenstände – materielle Kultur – sind nicht statisch. Zwar spricht meine Fernbedienung noch nicht mit mir, aber Gegenstände können ihre Benutzer sehr wohl zu Handlungen veranlassen. Das ist in der Gegenwart genauso, wie es in früheren Gesellschaften war. Gegenstände haben darüber hinaus für ihre Benutzer sehr unterschiedliche Bedeutungen, die nicht nur aufgrund anthropologischer (Alter, Geschlecht usw.), sondern auch sozialer Kategorien (z.B. Rang, Beruf, Glauben) und den damit verbundenen spezifischen Situationen wechseln können. 

Semantiken materieller Kulturen

Semantiken nachzugehen und kommunikative Strukturen modellhaft zu beschreiben, ist auch für die archäologischen Wissenschaften wichtig. Das Kieler Projekt fokussiert auf Gegenstände der Handwaschung: ein Thema, das für mittelalterliche Gesellschaften von zentraler Bedeutung war, da das Waschen der Hände das Konzept von Sauberkeit (physisch) und Reinheit (ethisch) eng verschränkte. Bei ritualgleichen Handlungen wie Begrüßung, Mahl oder Abschied wurde die Handwaschung praktiziert. Eine kurze Einführung finden Sie hier. Einen Überblick zu den Bronzeschalen können Sie hier downloaden.

Industrialisierung und Infrastruktur

Mit der industriellen Revolution und dem Entstehen von Großindustrien entstand zunehmend die Notwendigkeit einer effizienten Logistik. Dabei spielte der Transport von Menschen und Gütern mit der Bahn eine entscheidende Rolle. Der Neubau von Eisenbahnstrecken erfolgte zuerst durch private Gesellschaften. Zu diesen "bahnbrechenden" Projekten gehört auch ein Projekt der „Cöln-Minden-Thüringer Verbindungs-Eisenbahngesellschaft“. Diese private Gesellschaft plante 1846 die Errichtung einer Bahnstrecke zwischen der hessischen Landesgrenze und Lippstadt.

Die Strecke führte auch durch das Eggegebirge, dass zumindest für den Bahnverlauf eine Herausforderung bildete. Die Pässe zwischen den bis zu 464 Meter hohen Kuppen konnten mit den damals zur Verfügung stehenden Maschinen nicht bewältigt werden. Anstelle einer aufwändigen Anfahrtsschleife oder anderer Konstruktionen plante man ein Tunnelprojekt. Der rund 560m lange Tunnelbau sollte mit modernster Bautechnik errichtet werden und stellte für die landwirtschaftlich geprägte Region des Eggegebirges ein Jahrhundertbauwerk dar. 

Heute sind nur noch eingestürzte Schächte und Halden von dem erhalten, was über 500 Bauarbeiter vor genau 170 Jahren begonnen und nie fertiggestellt hatten. Einer der mächtigen Einschnitte als Zufahrt zum einstigen Tunnel liegt sogar komplett unter Wasser. Er wird in einem Kooperationsprojekt zwischen dem LWL (Landschaftsverband Westfalen-Lippe), der Abeitsgruppe für limnische und maritime Archäologie (AMLA) am Inst. für Ur- und Frühgeschichte der CAU Kiel und dem Lehrstuhl untersucht. 

Die Grabungsleiter Fritz Jürgens und Nils Wolpert haben bereits mit Studierenden und ehrenamtlichen Helfern im Dezember letzten Jahres (2016) das gelände prospektiert und die Tunnelzufahrt subaquatisch untersucht. Obertätig sind unter anderem die Eingänge der Schächte, die als als Mulden im Waldboden zu erkennen geben erhalten. Hinzu kommen aber weitere spannende Befunde wie eine mutmaßliche Eisenbahnschenke mit einer Wächterstube und einer Schmiede.Ende März / Anfang April 2017 wurde im Rahmen einer Lehrgrabung unter anderem ein Gebäudegrundriss freigelegt, der von den Ausgräbrn als Haus der Bauleitung angesprochen wird.  

Ein aktueller Beitrag findet sich im Blickpunkt Archäologie 4, 2017 (download Pfeil-Verlag)

Presseinformationen zu dem Projekt

 

Glashütten in Schleswig-Holstein

Aus den Schriftquellen ist bekannt, dass seit 1575 Glasmacher vornehmlich aus Hessen und Südniedersachsen nach Holstein, dabei besonders Ostholstein kamen, da hier das für die Glasherstellung notwendige Rohmaterial, vor allem Buchenholz, noch reichlich vorhanden war und gleichzeitig die Gutsbesitzer bestrebt waren, ihre Hoffelder auf Kosten des Waldes auszuweiten. So entstanden in dieser Gegend eine Vielzahl von Glashütten, über deren Standorte und auch Produkte damit deutlich mehr bekannt ist als für andere Gewerbe. Norddeutschland spielt in der bisherigen Glashüttenforschung eher eine marginale Rolle.

GlashuettenSH

Die Glashüttenforschung ist nach dem Krieg insbesondere im Raum Plön durch den Plöner Museumsdirektor und Archäologen Hucke betrieben worden. In den 1970er bis 1990er Jahren haben insbesondere das Museum Plön unter seinem Leiter Kruse sowie zahlreiche ehrenamtliche Sammler Fundplätze insbesondere im Raum Ostholstein sowie den Regionen zwischen Neumünster und Rendsburg systematisch begangen.  Im Jahre 2009 konnte durch das Archäologische Landesmuseum die „Sammlung Peter Besel“ erworben werden. Hierbei handelt es sich um Flach- und Hohlglas, Glassiegel, Glasfragmente, Glasschlacke, Gefäßkeramik und technischer Keramik, die bei Begehungen mit Schwerpunkten im östlichen Hügelland/Ostholstein und der Niederen Geest geborgen wurden. Somit liegt nicht nur umfangreiches Fundmaterial vor, das einen einzigartigen Einblick in den Formen- und Funktionsbestand frühneuzeitlicher Gläser Norddeutschlands bietet, sondern die Sammlung gewährt einen tiefen Einblick in die Glashüttenlandschaft des östlichen Schleswig-Holstein. Auch wenn sie Verteilung der Fundstellen den Einzugsbereich des Sammlers widerspiegelt, so muss sie zugleich als ein Beleg für die Bedeutung der Glasindustrie im östlichen Schleswig-Holstein gewertet werden. 

 

Brink bei Ballum. Eine vergessene Burg in Sønderjylland (Ballum Sogn, Tønder Amt, DK)

Am Geestrand gelegen, fragt sich jeder: Wo stand sie, die Burg von Ballum? 

Dänemark und Schleswig-Holstein sind reich an Schlössern, Gutshäusern und Burgen. Letztere sind aber nicht immer obertägig erhalten, sondern verstecken sich unter der Erde. Bei günstiger Überlieferung sind die im übrigen verhältnismäßig kleinen Anlagen nur nochansatzweise im Gelände sichtbar oder können durch LIDAR Scans erfasst werden.

Ein besondere Anlage ist die Burg Brink bei Ballum an der Westküste Sønderjyllands. Erstmalig wurde die Burg Brink im Jahre 1379 erwähnt. Die Anlage besaß seinerzeit eine zentrale Funktion in der lokalen Verwaltung der Stände des Bistums von Ribe. Für die Burgenforschung ist die Anlage auch aufgrund des Buchführungsbuches von größster Wichtigkeit - einem einzigartigen Dokument, das detaillierte Angaben über die Verwaltung enthält und somit einen umfassenden Einblick in die interne Organisation und den Betrieb auf Burgen des 14. Jahrhunderts ermöglicht. Während des 15. Jahrhunderts scheint die ursprüngliche Burg zu einem größeren Landsitz degradiert worden zu sein, bevor sie im Jahre 1562 abgebaut wurde.

Die Ursprünge der Anlage sind bis dato unbekannt, könnten aber in die Zeit um 1300 n. Chr. zurückgehen. In einem Gemeinschaftsprojekt mit Prof. Dr. Rainer Atzbach, Section for Medieval and Renaissance Archaeology der Univ. Aarhus sowie dem Museum Sønderjylland wird die Burg wieder archäologisch untersucht. Zunächst erbrachte eine geomagnetische Unterschung unter der Leitung von Dr. Christoph Rinne des IUFG im Januar 2017 wichtige Ergebnisse. 

2017 wurde in einer vierwöchigen Grabungskampagne mehrere Schnitte angelegt, die neben zahlreichem Fundmaterial wichtige Befunde zum Grabensystem und der Bebauung erbrachten. Die Ausgrabungen werden 2018 fortgeführt. Erste Eindrücke finden Sie unter

http://borgbrink2017.blogspot.dk/

https://www.facebook.com

 

Archäologie der Gegenwart

Die Archäologie der Gegenwart (archaeology of the contemporary past) blickt auf unsere jüngste Geschichte und die Gegenwart.  

Interview mit Ulrich Müller 

Studentische Graffitti. Der Johanna Mestorf Hörsaal der Kieler Ur- und Frühgeschichte

Die Materialität einer Kieler Kleinkartenparzelle

EiGelbs - ein short term event

“7 Walks in the Woods - Künstlerische Spurensicherungen im Rabenholzer Wald” der Gesellschaft für zeitgenössische Konzepte e.V. (Verena Voigt M.A.) und Weltkunst Angeln e.V. (Anka Landtau) unter Beteiligung der Historische Archäologie

 

St Catharinenkirche am Jellenbeck

St. Catharinenkirche am Jellenbek

Ein Zeugnis mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Geschichte Schleswig-Holsteins

Katja Grüneberg-Wehner M.A. | Prof. Dr. Ulrich Müller | Dr. Donat Wehner

Einst befand sich die 1319 ersturkundlich erwähnte „Catharinen Kerk“ weithin sichtbar auf einem Plateau hoch über der Küste an der südlichen Eckernförder Bucht. Um das Jahr 1737 wurde der Sakralbau abgerissen und allmählich verlor sich die Kenntnis über den exakten Standort. Man befürchtete gar, die letzten Reste der Kirche seien in den Fluten der Ostsee verschwunden.

In den Jahren 2009 bis 2010 konnte der nunmehr dicht an der aktiven Steilküste gelegene Bau mittels geophysikalischer Prospektionsmethoden in einem Projekt von Wolfang Bauch vom ALSH lokalisiert und in der Folge in mehreren Grabungskampagnen in den Jahren 2010, 2012 und 2013 seitens des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Müller, Katja Grüneberg-Wehner M. A. und Dr. Donat Wehner vollständig freigelegt und dokumentiert werden.Im Rahmen eines DFG Projekts erfolgt gegenwärtig (Stand 2018) die Auswertung der zahlreichen Befunde und Funde.

Die Vielfalt und der Facettenreichtum an bemerkenswerten Funden und Befunden sowie der gute Erhaltungszustand der Sachüberreste der Kirche erlauben einzigartige archäologische Einblicke in eine spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Pfarre im ländlichen Raum.

Publikationsliste zu den Ausgrabungen an der St. Catharinenkirche

  • K. Grüneberg-Wehner, Konformität oder Widerspruch? Glaubensvorstellungen und Bestattungssitten an der St. Catharinenkirche (Kr. Rendsburg-Eckernförde) zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit. Mitteilungsblatt der DGAMN 31, 2018, 155-168. (pdf)
  • K. Grüneberg-Wehner/D. Wehner, Buchschließen, Knöpfe, Stecknadeln - Die Ausgrabungen an der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen St. Catharinenkirche. Arch. Nachr. Schleswig-Holstein 2014, 80–83.
  • K. Grüneberg-Wehner/D. Wehner, St. Catharina. Zu den Ausgrabungen einer mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirche im ländlichen Raum. Jahrb. Heimatgemeinschaft Eckernförde 72, 2014, 209–221.
  • K. Grüneberg-Wehner/D. Wehner, St. Catharina: The Only Completely Excavated Parish Church in Schleswig-Holstein/St. Catharina: Die einzige vollständig ausgegrabene Pfarrkirche Schleswig-Holsteins. In: J. Müller (Hrsg.), Exploring Landscapes. The Reconstruction of Social Space/Landschaft erforschen. Sozialen Raum rekonstruieren (Bonn 2014) 146–147.
  • K. Grüneberg-Wehner/D. Wehner, Ein barockes Frauengrab im Chor der St. Catharinenkirche zu Jellenbek, Lkr. Rendsburg-Eckernförde. Ark. Slesvig/Arch. Schleswig 14, 2012 (2013) 227–236. [PDF]
  • K. Grüneberg-Wehner/D. Wehner, Begegnungsstätte zwischen Kirche und Welt. Arch. Deutschland, Nachr. 05.09.2013.
  • K. Grüneberg-Wehner/U. Müller/D. Wehner, Backsteine, Münzen, Totenkronen. Ein Vorbericht zu den Ausgrabungen an der St. Catharinenkirche bei Krusendorf. Jahrb. Heimatgemeinschaft Eckernförde 69, 2011, 173–183. [PDF]
  • K. Grüneberg-Wehner/U. Müller/D. Wehner, Backsteingotik und barocke Gräber – Die Ausgrabungen an der St. Catharinenkirche in der Gemeinde Schwedeneck, Kreis Rendsburg-Eckernförde. Arch. Nachr. Schleswig-Holstein 2011, 99–101.

Poster und Presse

Poster

  • K. Grüneberg-Wehner/D. Wehner, Begegnungsstätte zwischen Kirche und Welt. Die Ausgrabungen der St. Catharinenkirche am Jellenbek, Kr. Rendsburg-Eckernförde (Kiel 2013). [PDF]
  • K. Grüneberg-Wehner/D. Wehner, Die St. Catharinenkirche am Jellenbek. Eine Pfarrkirche des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit als Begegnungsstätte zwischen Kirche und Welt (Kiel 2010). [PDF]

Fernsehbeitrag

    • M. Neubert/K. Bauer, Ausgrabungen in Krusendorf. kielaktuell. Sendung vom 06.09.2013 [Video]

    • Radiobeiträge

      • D. Brandau, Sonntagsspazierung: Schatzsuche im Schwedeneck. NDR 1 Welle Nord, gesendet am 09.10.2011.
      • NDR Rundfunk. Interview, gesendet am 17.10.2010, 7.30 Uhr

      Zeitungsartikel

      • N. Heggen, Archäologen legen bei Krusendorf Überreste von St. Catharina frei. Spurensuche in Kirchenresten. Evangelische Zeitung, Artikel vom 06.04.2014.
      • R. Krüger, Von Untoten und einer großen Überraschung. Archäologen informierten über Ausgrabungen in Jellenbek. Kieler Nachrichten, Artikel vom 31.03.2014.
      • S. Meise, Spurensuche bringt enormes Ergebnis. Eckernförder Zeitung, Artikel vom 27.03.2014.
      • C. Müller, Forscher decken Rätsel um Kirche auf. Kieler Nachrichten, Artikel vom 24.03.2014.
      • C. Müller, Archäologe: „Das ist eine Pfeife“. Kieler Nachrichten, Artikel vom 12.09.2013.
      • E. Rost, Ausgrabungen in Jellenbek. Mit Hund und Ziege gegen den Teufel. Eckernförder Zeitung, Artikel vom 03.09.2013.
      • C. Müller, Vorfahren hatten Angs vor Vampiren. Kieler Nachrichten, Artikel vom 03.09.2013.
      • E. Rost, Ausgrabungsstätte am Jellenbek – Auf den Spuren ihrer Vorfahren. Eckernförder Zeitung, Artikel vom 28.08.2013.
      • S. Meise, Knochen, Knöpfe und Münzen. Eckernförder Zeitung, Artikel vom 26.09.2012.
      • C. Müller, Alte Kirche gibt Geheimnisse preis. Kieler Nachrichten, Artikel vom 26.09.2012.
      • D. Smit, Auf Spurensuche im Mittelalter. Eckernförder Zeitung, Artikel vom 14.03.2011.
      • T. Jäger, Staubsaugen an der Steilküste. Eckernförder Zeitung, Artikel vom 08.09.2010.
      • A. Schmidt, Funde in der Katharinenkirche. Kieler Nachrichten, Artikel vom 26.06.2014 [Vergleichsprojekt zu Art und Verteilung der Fußbodenfunde]

Graffitti im Johanna-Mestorf Hörsaal

Bei Graffiti denkt wohl jeder zunächst an besprühte Wände von Häusern, Eisenbahnen oder Brücken. Aber auch Toiletten, Karzer und eben Hörsaalsitzplätze wurden ungefragt, mitunter auch illegal, beschrieben. Vielerlei Fragen lassen sich an derartige Graffiti stellen:  neben grundlegenden Erkenntnissen zu Umfang, Art und Weise der Anbringung, Formen und Erhaltung sollten die Anordnung im Raum (Topologie) und ihr Wirken an den Leser oder Betrachter (Affordanz), aber auch die mit ihnen verbundenen Handlungen (Praktiken) im Blick stehen. In einem studentischen Projekt wurden die Graffiti an den 65 Sitzplätzen im Johanna-Mestorf-Hörsaal des Institutes aufgenommen. Die rund 1800 Zeichen, Symbole und Texte sind ein selbstverständlicher Teil studentischer Lebenskultur. 
Manche Graffiti bieten einen terminus post quem wie „Kiel ♥ 2. Bundesliga“ und „bald 1. Liga“. Wenn sich die Beziehung zwischen Lukas und Lena über mehrere Ablagen ausdehnt, so werden Interaktionsrouten sichtbar. Eine Netzwerkanalyse der Fussballgraffiti belegt nicht nur die Kommunikation, sondern räumliche Schwerpunkte. Im Egonetzwerk steht der HSV an erster Stelle, wobei die Interaktionen mit St. Pauli und dem Kieler SV besonders intensiv sind. Wenn auf das Graffiti „Farblose grüne Ideen schlafen wüten[d]...“ die Erwiderung „Gute Nacht!“ folgt, so ist dies zunächst verstörend. Das englische Original („Colorless green ideas sleep furiously“) stammt von Noam Chomsky  und gilt das Paradebeispiel für syntaktisch korrekte, semantisch aber unsinnige Texte. Allerdings kann man ihm aus heutiger Perspektive durchaus eine semantische Bedeutung (Ökologie) zubilligen. Ein ganz besonders „Schmankerl“ sind die chemischen Symbole, die nach der Beendigung der Aufnahme angebracht wurden und dem Kurs  „Übungen zur Mathematik für Chemiker 2“ im Sommersemester 2018 zugewiesen werden können. 

Es sind direkte und in gewissen Sinne auch ungefilterte Ausdrücke alltäglicher Praxen. Es sind einerseits individuelle Äußerungen, die auf dem ersten Blick keinen formalen oder inhaltlichen Vorgaben unterliegen. Zugleich wiederholen sich die Graffiti stark. Sie orientieren sich an Vorbildern und Vorlagen, an impliziten wie expliziten Trends, Moden oder Normen. Die Graffiti haben Aufforderungscharakter (Affordanz), denn sie animieren die Betrachter zu Interaktionen. 

Den aktuellen Artikel finden Sie hier.

Parzelle KGV Prüner Schlag

Zwischen Hasseldieksdammer Weg und Westring befindet sich die Kleingartenanlage "Prüner Schlag". Sie ist (besser war) Teil des sogenannten Kieler Grüngürtels, der historisch gewachsen und 1922 mit dem Grünflächen- und Siedlungsplan Kiel zentraler Teil der Kieler Stadtplanung wurde. Der Prüner Schlag rückte durch die Planungen der Stadt Kiel, dort ein Möbelzentrum errichten zu lassen, seit 2011 in den Blick der Öffentlichkeit. Die Parzellen wurden seit diesen Planungen sukzessive aufgegeben, parallel hierzu setzten bereits mehr oder minder umfangreiche Devastierungen ein. Ein sehr knapper Bürgerentscheid besiegelte das Schicksal der rund 20ha großen Fläche, die bis zur endgültigen Planierung 2017 als lost place weitgehend sich selbst überlassen war (Info)

Im Rahmen einer Lehrveranstaltung wurde eine Parzelle prospektiert. Die Studie diente als Einführung in die contemporary archaeology. Zugleich stand in Frage im Raum, welche Spuren der früheren Nutzung als Kleingarten im Fundmaterial sichtbar sind, wie sich die Devastierung fassen lässt und welche Hinweise es auf eine "Nachnutzung" gibt. Ein Teil der Funde wurde von Jan Breiner im Rahmen einer BA Arbeit ausgewertet und in einer gemeinsam mit Susanne Beyer konzipierten Ausstellung im Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU präsentiert (Foto der Vitrine).

An dem Funden lassen sich typische Herausforderungen einer Archäologie der Gegenwart diskutieren. So sind die Gartenzwerge trotz des Solar-LED nur sehr allgemein datierbar. Sie sind wie üblich  im Formgussverfahren aus einem Mix von Kunstharzen produziert. Die bedeutet auch  Herausforderungen an die konservatorischen und restauratorischen Belange (z.B. Material, Farbigkeit). Drei Beilagenhefte einer Kinzo Elektrohacke konfrontieren die Archäologie nicht nur mit der Materialität von Texten, sondern bieten einen tpq 2005. Das Kaufangebot für einen Nissan Micra (Produktion ab 1982) weist aufgrund der 0160 Vorwahl den tpq 2000 (T-Mobile) auf, berührt aber auch (datenschutz)-rechtliche Aspekte. Die Fingerverbände wiederum wurden in der Zeit zwischen Ende der 1940er bis Ende 1950er Jahre produziert und überwiegend vom Militär verwendet. Wir fanden sie zusammen mit neueren Verbänden der 1980/90er Jahre im Toilettenanbau. Denkbar ist, dass es sich um Altbestände handelt, die vom Militärarsenal oder HDW (Werft) stammen.
Alles in allem spiegeln die zahlreichen Funde in Lebensweltlichkeit einer Kleingartenparzelle wieder. Erstaunlich ist dabei die zeitliche Tiefe der Funde. Sie stammen überwiegend aus den späten 1990er und 2000er Jahren und belegen mit ihren ganz eigenen Biografien das Leben in einem Kleingarten.  

EiGelbs - ein short term event

Im Rahm einer einer Veranstaltung wurden entlang der geplanten Veoroute 10 an einigen flankierenden Gebäuden die Graffitti aufgenommen. Die archäologische Erforschung von Graffitti ist zumeist auf die antiken Epochen beschränkt, gewinnt aber insbesondere für die Moderne zunehmend an Bedeutung (graffitti archaeology).