Graffitti im Johanna-Mestorf Hörsaal

Bei Graffiti denkt wohl jeder zunächst an besprühte Wände von Häusern, Eisenbahnen oder Brücken. Aber auch Toiletten, Karzer und eben Hörsaalsitzplätze wurden ungefragt, mitunter auch illegal, beschrieben. Vielerlei Fragen lassen sich an derartige Graffiti stellen:  neben grundlegenden Erkenntnissen zu Umfang, Art und Weise der Anbringung, Formen und Erhaltung sollten die Anordnung im Raum (Topologie) und ihr Wirken an den Leser oder Betrachter (Affordanz), aber auch die mit ihnen verbundenen Handlungen (Praktiken) im Blick stehen. In einem studentischen Projekt wurden die Graffiti an den 65 Sitzplätzen im Johanna-Mestorf-Hörsaal des Institutes aufgenommen. Die rund 1800 Zeichen, Symbole und Texte sind ein selbstverständlicher Teil studentischer Lebenskultur. 
Manche Graffiti bieten einen terminus post quem wie „Kiel ♥ 2. Bundesliga“ und „bald 1. Liga“. Wenn sich die Beziehung zwischen Lukas und Lena über mehrere Ablagen ausdehnt, so werden Interaktionsrouten sichtbar. Eine Netzwerkanalyse der Fussballgraffiti belegt nicht nur die Kommunikation, sondern räumliche Schwerpunkte. Im Egonetzwerk steht der HSV an erster Stelle, wobei die Interaktionen mit St. Pauli und dem Kieler SV besonders intensiv sind. Wenn auf das Graffiti „Farblose grüne Ideen schlafen wüten[d]...“ die Erwiderung „Gute Nacht!“ folgt, so ist dies zunächst verstörend. Das englische Original („Colorless green ideas sleep furiously“) stammt von Noam Chomsky  und gilt das Paradebeispiel für syntaktisch korrekte, semantisch aber unsinnige Texte. Allerdings kann man ihm aus heutiger Perspektive durchaus eine semantische Bedeutung (Ökologie) zubilligen. Ein ganz besonders „Schmankerl“ sind die chemischen Symbole, die nach der Beendigung der Aufnahme angebracht wurden und dem Kurs  „Übungen zur Mathematik für Chemiker 2“ im Sommersemester 2018 zugewiesen werden können. 

Es sind direkte und in gewissen Sinne auch ungefilterte Ausdrücke alltäglicher Praxen. Es sind einerseits individuelle Äußerungen, die auf dem ersten Blick keinen formalen oder inhaltlichen Vorgaben unterliegen. Zugleich wiederholen sich die Graffiti stark. Sie orientieren sich an Vorbildern und Vorlagen, an impliziten wie expliziten Trends, Moden oder Normen. Die Graffiti haben Aufforderungscharakter (Affordanz), denn sie animieren die Betrachter zu Interaktionen. 

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