Niedertiefenbach

Finanzierung: GSHDL

Niedertiefenbach ist eine aus großen Steinplatten erbaute Grabkammer von 10 m Länge und 3,2 m Breite (Galeriegrab). Sie wurde in der Jungsteinzeit (Neolithikum), genauer im Spätneolithikum spätestens um 3.100 v. Chr. errichtet und bis um 2.800 v. Chr. als Bestattungsplatz (Grabgruft) genutzt. Aufgrund der großen Anzahl erhaltener Bestatteten und der besonderen Beigaben handelt es sich um ein herausragendes urgeschichtliches Forschungsobjekt der Hessischen Denkmalpflege.

Die erneute Untersuchung ist Teil eines Forschungsvorhabens zum Übergang vom Spät- in das Endneolithikum. In Mitteldeutschland findet ein Wechsel statt, von einer ausgeprägte Regionalisierung mit  einer Vielzahl an erkennbaren Formengruppen im Fundgut, Grabbau und Bestattungssitten (archäologische Kultur) hin zu zwei großräumig verbreiteten und sehr einheitlich wirkenden Gruppen: Glockenbecher und Schnurkeramik.  Es handelt sich dabei sicher nicht um ein kurzfristiges Ereignis aber doch um einen grundlegenden Wandel innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes weniger Generationen und mit oraler Tradition. Aufgrund der tiefgreifenden Veränderungen in den gesellschaftlichen Traditionen, vor allem im Bestattungsritual, gehen wir von einem auch als Krise empfundenen Übergang aus, dessen Prozesse es zu verstehen gilt.

Projektbeteiligte: Institut für Klinische Molekularbiologie,  CAU (Prof. Dr. rer. nat. B. Krause-Kyora) / Graduiertenschule Human Development in Landscapes CAU (Dipl. Prähist. K. Fuchs) / Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie, CAU (Prof. Dr. C. Dörfer, J. Kopp) / Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Dr. S. Schade-Lindig) / Institut für Ur- und Frühgeschichte CAU (Dr. C. Rinne)

Der Fundplatz

Der Ort Niedertiefenbach (wikipedia) gehört heute zur Gemeinde Beselich im Landkreis Limburg-Weilburg (Hessen). Die Fundstelle liegt südöstlich von Niedertiefenbach, auf einer flachen, nach Süden in die Niederung des Tiefenbach vorspringenden Anhöhe bei 193 m über NN. Die Anhöhe selbst ist ein südlicher Ausläufer des Limburger Becken, ein ausgedehnter intramontaner Senkungsraum innerhalb des Rheinsichen Schiefergebirges. Das durch Lössböden geprägte Limburger Becken wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. Das nächste moderne Siedlungszentrum zum Fundplatz ist die 7 km südöstlich gelegene Stadt Limburg an der Lahn.


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Die Forschungsgeschichte

Die Forschungsgeschichte dieser bedeutenden Grabanlage der Wartbergkultur ist eine beständige Entdeckungsgeschichte. Die Grabanlage wurde 1847 unkontrolliert gesprengt, zu einem großen Teil zerstört und die vorgefundenen Knochen u.a. zur Knochenmühle gebracht. Diese und weitere Informationen wurden 1859 von K. Rossel anlässlich der Untersuchung von drei Grabhügeln in der Nachbarschaft ermittelt und im selben Jahr publiziert (Rossel 1859). Diesem Bericht von 1859 wurde 1961 nachgegangen und führte im April 1961 zur Wiederentdeckung des Grabes. Die Untersuchung der noch erhaltenen Reste, insbesondere der erhaltenen Kammerfüllung auf ca. 5 m², erfolgte vom 2. Oktober bis 30 November des selben Jahres durch H. Schoppa, seine Frau und Frau I. Schmidt (Wurm et al.  1963, 51, Anm. 2). 

Am Ende der Kammer, in einem durch senkrechte Steinplatten abgetrennten Bereich war die Kammerfüllung mit einer dichten Lage an Menschenknochen erhalten, von hier stammen die wenigen, aber besonderen Funde dieses Grabes: 6 Kupferspiralröllchen,  21 Bernsteinperlen, 10 Eckzähne vom Hund, zwei aus Knochen geschnitzte Eckzahnimitate, jeweils zwei linke und rechte Unterkieferfragmente vom Hund,  vier Feuersteinartefakte, darunter eine schlichte dreieckige Pfeilspitze, eine fossile Muschel, 3 Keramikfragmente und 15 weitere Knochenfragmente u.a. vom Rind. Ein vorläufiger Bericht zum vorgefundenen Skelettmaterial schließt diese Publikation ab (Wurm et al. 1963). Die anthropologische Bearbeitung der Funde wird mit der Dissertation von A. Czarnetzki (1966, wikipedia) abgeschlossen.

Mit einem groß angelegten naturwissenschaftlichen Datierungsprojekt zur Neolithisierung Europas und einer seinerzeit grundlegenden Publikation zur Radiokarbondatierung werden neben sehr vielen anderen Fundplätzen auch drei Proben aus unterschiedlichen Tiefen des Grabes von Niedertiefenbach datiert (Breunig 1987, 304) . Im Anschluss an eine umfangreiche Bearbeitung der überwiegend in Hessen verbreiteten spätneolithischen Wartbergkultur, einschließlich eines Datierungsprojektes mittels Radiokarbondaten, werden die drei vorliegenden Datierungen anhand ihrer Tiefenangaben zu einem Datierungsmodell (wiggle-matching) zusammengestellt (Raetzel-Fabian 2002, 5 Abb. 4).

Seit 2014 steht die Grabanlage erneut im Fokus neuer naturwissenschaftlicher Analysen zur aDNA, der Mikrobiologie und Zahnmedizin. Neben der Frage zur Verwandtschaft sind vorrangig folgende Aspekte und Themen von Interesse: die demographischen Entwicklung, der Gesundheitszustand (Paläopathologie, Parasitologie) und der Zahnstatus u.a. zur Abrasion als auch zu den morphologischer Veränderungen gegenüber rezenten Vergleichen. An dieser neuen Forschungskooperation sind beteiligt:

  • Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Dr. rer. nat. B. Krause-Kyora)
  • Graduiertenschule Human Development in Landscapes der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel(Dipl. Prähist. K. Fuchs)
  • Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Dr. C. Dörfer, J. Kopp)
  • Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Dr. S. Schade-Lindig)
  • Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Dr. C. Rinne)

 

Literatur

Breunig 1987:
P. Breunig, 14C-Chronologie des vorderasiatischen, südost- und mitteleuropäischen Neolithikums. Fundamenta A 13 (Wien 1987).

Czarnetzki 1966:
A. Czarnetzki, Die menschlichen Skelettreste aus vier neolithischen Steinkisten Hessens und Niedersachsens (Diss. Tübingen 1966).

Raetzel-Fabian 2002:
D. Raetzel-Fabian, Revolution, Reformation, Epochenwechsel? Das Ende der Kollektivgrabsitte und der Übergang von der Wartberg- zur Einzelgrabkultur in Nordhessen und Westfalen. www.jungsteinsite.de Artikel vom 5. Januar 2002, 2002 <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/81> (13.08.2014)

Rossel 1859:
K. Rossel, Das Steingrab bei Nieder-Tiefenbach. Periodische Blätter 9, 1859, 240–241 <http://www.vhghessen.de/mhg/1859/1859_09_240.htm> (13.08.2014).

Wurm et al. 1963:
K. Wurm / H. Schoppa / C. Ankel / A. Czarnetzki, Die westeuropäische Steinkiste von Niedertiefenbach, Oberlahnkreis. Fundber. Hessen 3, 1963, 46–78.

Altgrabungen digitalisieren

Moderne Computertechnik und Software, auch kostenfreie des alltäglichen Gebrauchs,  bietet für die erneute Analyse und Darstellung von Altgrabungen enorme Möglichkeiten. In einem ersten Schritt wurden die im Archiv vorhandenen Lithographien der Planzeichnungen für den Druck wegen ihrer deutlich höheren Qualität digitalisiert und in einem Geographischen Informationssystem zusammengestellt. Währen des Digitalisierens wurden neben den vereinzelten schriftlichen Einträgen zu Alter, Geschlecht und Schädelindividuum auch weitere deutlich erkennbaren Merkmale erfasst: Ansprache des Knochen, Knochen im anatomischen Verband und Ausrichtung der anatomischen Verbände. Diese Arbeit bietet einen schnellen und unmittelbaren Zugang zu den vorhandenen Daten bei der Kontextualisierung der Funde. Sie erlaubt eine erste quantifizierende Darstellung zum dokumentierten Skelettaufkommen und kann zur Visualisierung von Ergebnissen genutzt werden. Innerhalb der 71 erkannten anatomischen Verbände mit insgesamt 501 Knochen dominiert die Lage in Längsrichtung der Kammer mit dem Kopf zum Eingang im Süden (n=224), gefolgt von einer Ausrichtung von Südost nach Nordwest (n=87)  und quer zur Kammer mit dem Kopf im Osten (n=85).

Knochen Anzahl
Schädel und Kiefer 209
Wirbel, Rippe und Schlüsselbein 360
Becken und Steißbein 37
Armknochen und Schulterblatt 43
Beinknochen 111
Hand- und Fußknochen 151
Langknochen unbest. 682
Summe 1593
 
3D-Visualisierung der Bestattungslagen am nördlichen Kammerende.
Orange: Schädel | Grün: Anatomische Verband | Gelb: sonstige Knochen