Die Forschungsgeschichte

Die Forschungsgeschichte dieser bedeutenden Grabanlage der Wartbergkultur ist eine beständige Entdeckungsgeschichte. Die Grabanlage wurde 1847 unkontrolliert gesprengt, zu einem großen Teil zerstört und die vorgefundenen Knochen u.a. zur Knochenmühle gebracht. Diese und weitere Informationen wurden 1859 von K. Rossel anlässlich der Untersuchung von drei Grabhügeln in der Nachbarschaft ermittelt und im selben Jahr publiziert (Rossel 1859). Diesem Bericht von 1859 wurde 1961 nachgegangen und führte im April 1961 zur Wiederentdeckung des Grabes. Die Untersuchung der noch erhaltenen Reste, insbesondere der erhaltenen Kammerfüllung auf ca. 5 m², erfolgte vom 2. Oktober bis 30 November des selben Jahres durch H. Schoppa, seine Frau und Frau I. Schmidt (Wurm et al.  1963, 51, Anm. 2). 

Am Ende der Kammer, in einem durch senkrechte Steinplatten abgetrennten Bereich war die Kammerfüllung mit einer dichten Lage an Menschenknochen erhalten, von hier stammen die wenigen, aber besonderen Funde dieses Grabes: 6 Kupferspiralröllchen,  21 Bernsteinperlen, 10 Eckzähne vom Hund, zwei aus Knochen geschnitzte Eckzahnimitate, jeweils zwei linke und rechte Unterkieferfragmente vom Hund,  vier Feuersteinartefakte, darunter eine schlichte dreieckige Pfeilspitze, eine fossile Muschel, 3 Keramikfragmente und 15 weitere Knochenfragmente u.a. vom Rind. Ein vorläufiger Bericht zum vorgefundenen Skelettmaterial schließt diese Publikation ab (Wurm et al. 1963). Die anthropologische Bearbeitung der Funde wird mit der Dissertation von A. Czarnetzki (1966, wikipedia) abgeschlossen.

Mit einem groß angelegten naturwissenschaftlichen Datierungsprojekt zur Neolithisierung Europas und einer seinerzeit grundlegenden Publikation zur Radiokarbondatierung werden neben sehr vielen anderen Fundplätzen auch drei Proben aus unterschiedlichen Tiefen des Grabes von Niedertiefenbach datiert (Breunig 1987, 304) . Im Anschluss an eine umfangreiche Bearbeitung der überwiegend in Hessen verbreiteten spätneolithischen Wartbergkultur, einschließlich eines Datierungsprojektes mittels Radiokarbondaten, werden die drei vorliegenden Datierungen anhand ihrer Tiefenangaben zu einem Datierungsmodell (wiggle-matching) zusammengestellt (Raetzel-Fabian 2002, 5 Abb. 4).

Seit 2014 steht die Grabanlage erneut im Fokus neuer naturwissenschaftlicher Analysen zur aDNA, der Mikrobiologie und Zahnmedizin. Neben der Frage zur Verwandtschaft sind vorrangig folgende Aspekte und Themen von Interesse: die demographischen Entwicklung, der Gesundheitszustand (Paläopathologie, Parasitologie) und der Zahnstatus u.a. zur Abrasion als auch zu den morphologischer Veränderungen gegenüber rezenten Vergleichen. An dieser neuen Forschungskooperation sind beteiligt:

  • Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Dr. rer. nat. B. Krause-Kyora)
  • Graduiertenschule Human Development in Landscapes der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel(Dipl. Prähist. K. Fuchs)
  • Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Dr. C. Dörfer, J. Kopp)
  • Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Dr. S. Schade-Lindig)
  • Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Dr. C. Rinne)

 

Literatur

Breunig 1987:
P. Breunig, 14C-Chronologie des vorderasiatischen, südost- und mitteleuropäischen Neolithikums. Fundamenta A 13 (Wien 1987).

Czarnetzki 1966:
A. Czarnetzki, Die menschlichen Skelettreste aus vier neolithischen Steinkisten Hessens und Niedersachsens (Diss. Tübingen 1966).

Raetzel-Fabian 2002:
D. Raetzel-Fabian, Revolution, Reformation, Epochenwechsel? Das Ende der Kollektivgrabsitte und der Übergang von der Wartberg- zur Einzelgrabkultur in Nordhessen und Westfalen. www.jungsteinsite.de Artikel vom 5. Januar 2002, 2002 <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/81> (13.08.2014)

Rossel 1859:
K. Rossel, Das Steingrab bei Nieder-Tiefenbach. Periodische Blätter 9, 1859, 240–241 <http://www.vhghessen.de/mhg/1859/1859_09_240.htm> (13.08.2014).

Wurm et al. 1963:
K. Wurm / H. Schoppa / C. Ankel / A. Czarnetzki, Die westeuropäische Steinkiste von Niedertiefenbach, Oberlahnkreis. Fundber. Hessen 3, 1963, 46–78.