Anthropologische Archäologie

Icon der Anthropologische Archäologie Juniorprofessur für Anthropologische Archäologie

Prof. Dr. Henny Piezonka

Johanna-Mestorf-Str. 2-6, R.140
Telefon: +49 431 880-1621
Telefax: + 49 431 880-7300
hpiezonka@ufg.uni-kiel.de
Details

Sprechstunde: Mittwoch 14-15 Uhr
Lehrveranstaltungen im UnivIS

Die Verbindung von ur- und frühgeschichtlichen und kulturanthropologischen Theorien und Methoden ist Gegenstand der Anthropologischen Archäologie. Diese Synthese dient dem besseren Verständnis der Entwicklung vergangener menschlicher Gemeinschaften und ihrer kulturellen Praktiken. Ethnoarchäologische Untersuchungen dokumentieren Zusammenhänge zwischen menschlicher Tätigkeit und ihrem materiellen, archäologisch fassbaren Niederschlag; ethnographische Analogien werden dabei in ihren Möglichkeiten und Grenzen für die Interpretation archäologischer Fundplätze und Artefakte ausgelotet. Das Methodenspektrum verzahnt verschiedene Disziplinen und umfasst teilnehmende Beobachtung, Interviews, die Analyse mündlicher und schriftlicher Überlieferungen, aber auch Surveys und Ausgrabungen von Siedlungsplätzen, Wirtschaftseinrichtungen und anderen vom Menschen genutzten und geformten Orten. Die Juniorprofessur besteht seit 2016 und ist aktuell mit ihrer thematischen Ausrichtung einzigartig in Deutschland. Regionale Schwerpunkte der Feldforschung am Kieler Institut liegen in Sibirien und Innerasien.

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen:

Birte Ahrens M.A.; Christoph Engel M.A. (Projekt Veksa)

 

Projekte und Ausgrabungen

Karte zu den Forschungsprojekten von H. Piezonka
Laufende Forschungen der Abteilung Anthropologische Archäologie in Eurasien. Grün: Taiga.

Nomaden der Taiga

Ethnoarchäologische Forschungen bei den Selkupen, einer mobilen Jäger-Fischer-Gemeinschaft in Sibirien

Die Taz-Selkupen leben im nördlichen Westsibirien zwischen Ob‘ und Enissej. Sie sind eine der letzten indigenen Gruppen, die ihre traditionelle Lebensweise als nomadische Jäger-Fischer und Rentierhalter in der Taiga bis heute bewahrt hat. Das Projekt bietet die einzigartige Chance, ethnoarchäologische Forschungen bei Wildbeutern der Waldzone zu durchzuführen. Eine besonders interessante Konstellation ergibt sich dadurch, dass die Selkupen erst im 17. Jahrhundert nach Norden an den Taz-Fluss gewandert sind, während der Großteil der Gruppe in den angestammten Gebieten im Süden in der Region Tomsk geblieben sind. Mit einer Kombination aus archäologischen, ethnologischen, linguistischen und naturwissenschaftlichen Methoden können hier Stadien und Facetten der durch eine solche Wanderung ausgelösten Adaptionsprozesse aus unterschiedlichen Blickwinkeln erforscht werden.

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Taz-Region, Westsibirien. Aufgelassenes Wohnzelt einer selkupischen Familie in der Taiga am Fluss Pokalka, Sommer 2016 (Foto: H. Piezonka).

Im August 2016 fand eine erste gemeinsame deutsch-russische Feldkampagne statt. Teams aus Ethnologen und Archäologen führten Surveys am Taz und seinen Nebenflüssen durch und dokumentierten zahlreiche bisher unbekannte archäologische Fundplätze sowie aufgelassene und heute noch genutzte Siedlungsplätze und Aktivitätszonen (Zelte, Erdhäuser, Rauchhäuser für Rentiere, Fischzäune etc.). Archäobotaniker und Geowissenschaftler widmeten sich Veränderungen der Vegetation durch menschliche Aktivitäten. Interviews mit den selkupischen Familien gaben Einblicke in die Hintergründe von Siedlungs- und Mobilitätsmustern, in die Alltagskultur und in die Nutzung und Bedeutung verschiedener materieller Objekte.

 

Förderung: Gerda Henkel Stiftung (Förderzeitraum: 2017-2018)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
 

 

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen:

Prof. Dr. Henny Piezonka; Prof. Dr. Wiebke Kirleis

Kooperationspartner:

 

Veksa, Nordwestrussland

8000 Jahre Kulturentwicklung in der nordosteuropäischen Waldzone

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Veksa, Russland. Vermessung steinzeitlicher Holzpfähle am Ufer der Vologda bei Niedrigwasser im Herbst 2011 (Foto: H. Piezonka).

Der Fundplatz Veksa in Nordwestrussland stellt mit seiner einmaligen Stratigraphie und ausgezeichneten Erhaltungsbedingungen eine bedeutende Referenzfundstelle für die Vorgeschichte der nordosteuropäischen Waldzone dar. Das bis zu drei Meter mächtige Schichtpaket bietet dabei ideale Voraussetzungen für die Verzahnung von Kultur- und Umweltentwicklung seit dem 6. Jahrtausend v.Chr. Ein herausragender Befund sind pfahlbauartige Strukturen aus dem 4./3. Jahrtausend v. Chr. Ziel der 2015 gemeinsam mit dem Staatlichen Museum Vologda begonnenen neuen Feldforschungen sind Aussagen zu überregional bedeutsamen Aspekten wie der Ausbreitung technologischer Innovationen (frühe Keramik, Bronze- und Eisenmetallurgie), zur Peripherie großer Kulturkomplexe wie der Schnurkeramik und zur bisher ungeklärten Frage nach Beginn und Ablauf des Übergangs zur produzierenden Wirtschaftsweise. Erste Ergebnisse der Abteilung Umweltarchäologie des Kieler Instituts deuten darauf hin, dass Ackerbau in dieser Region möglicherweise erst im Mittelalter Einzug hielt. Zu den besonderen Ergebnissen der neuen Ausgrabungen zählt die Entdeckung zahlreicher sehr gut erhaltener hölzerner Reusen und Fischzaunreste aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., welche die zunehmende Bedeutung aquatischer Ressourcen gegen Ende der Steinzeit unterstreichen.

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Veksa, Russland. Hölzerne Reuse im Uferbereich der Vologda, Ausgrabung 2016 (Illustration: Chr. Engel).

 

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (Förderzeitraum: 2015-2017)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen:

Prof. Dr. Henny Piezonka; Prof. Dr. Wiebke Kirleis; Dr. Magda Wieckowska-Lüth; Christoph Engel M.A.

Kooperationspartner:

 

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Veksa, Russland. Jäger-Sammler Keramik des 5. - 3. Jahrtausends v.Chr. (Illustration: H. Piezonka).

 

Zwischen China und Ural

Die Entstehung der ältesten Keramiktraditionen in Transbaikalien und der Mongolei ab dem 12. Jahrtausend v. Chr.

Als um 18.000 v. Chr. große Gebiete der nördlichen Hemisphäre noch von kilometerdickem Gletschereis bedeckt waren, stellten ostasiatische Jäger und Sammler bereits Keramikgefäße her. In der Alten Welt war die Entstehung und Nutzung der ersten Tonware also keineswegs an den Übergang zur produzierenden Wirtschaftsweise gekoppelt. Aktuell wird die Frage diskutiert, ob sich die keramische Innovation bei den eurasischen Jäger-Sammlern von den ältesten Kerngebieten im Fernen Osten kontinuierlich in Richtung Westen bis nach Europa ausbreitete, oder ob es in dem riesigen Gebiet immer wieder zur unabhängigen Erfindung von Tongefäßen gekommen ist. Transbaikalien und die Mongolei sind für diese Fragestellung von zentraler Bedeutung. Doch gerade hier fehlte es bisher an einer modernen archäologischen Datengrundlage, und die Hinterlassenschaften der frühen Nacheiszeit (ca. 12. bis 7. Jahrtausend v. Chr.) sind weitgehend unerforscht.

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Togootyn gol, Ostmongolei. Auf der Flussterrasse wurden Sondageschnitte zur Erfassung der stratigraphischen Abfolge angelegt (Foto: S. Lorenz).

Das deutsch-russisch-mongolische Kooperationsprojekt widmet sich der Entwicklung einer verlässlichen Datenbasis zur frühkeramischen Epoche in Transbaikalien und der Mongolei. Im Sommer 2014 fanden Feldforschungen an sieben vielversprechenden Plätzen statt. Bereits vor Abschluss aller Analysen und Auswertungen können wir die frühkeramische Epoche in Innerasien inzwischen besser konturieren. Erste Daten vom russischen Fundplatz Krasnaja Gorka an der Eravnoe-Seenplatte weisen auf ein spätpleistozänes Alter der frühen Tonware hin. Damit wäre erstmals der Nachweis dieses ältesten keramischen Horizontes im mittleren Transbaikalien gelungen. Auch in Kibalino an der Selenga kamen Reste von einfachen, schlecht gebrannten Gefäßen in einer Löss-Schicht zutage, die vom Ende der Eiszeit oder aus der frühen Nacheiszeit stammen dürfte. Auf den mongolischen Fundplätzen wurde eine etwas jüngere Phase der Keramiknutzung erfasst, die durch eine schnurabdruckverzierte Ware gekennzeichnet ist. Die neuen Daten eröffnen die Möglichkeit, diesen räumlich und zeitlich weit verbreiteten, aber schlecht erforschten frühen Keramiktyp chronologisch und kulturhistorisch besser einzuordnen.

 

Förderung: Gerda Henkel Stiftung (Förderzeitraum: 2014-2015)

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Kooperationspartner:

 

INDUCE

The Innovation, Dispersal and Use of Ceramics in NE Europe

The origins, adoption and use of pottery vessels are among archaeology’s most compelling issues. Pottery vessels are no longer viewed in western archaeology as a material correlate of sedentary farming life in the Neolithic. Despite recognition of pottery vessels in hunter‐gatherer contexts in some parts of northern Europe and the former Soviet Union, their impact on, and role in, hunter-gatherer lifeways has been regarded as peripheral to mainstream European prehistory. The project seeks to rebalance the evidence and the debate, placing the innovation, dispersal and use of pottery vessels among hunter‐gatherers in NE Europe at the heart of the enquiry. Virtually nothing is known of the choices underlying the adoption of pottery vessels or the uses to which they were put. Similarly, there is little understanding of the environmental contexts that led to the emergence of pottery or the timing and dynamics of its apparent westward dispersal across NE Europe, nor its legacy following the introduction of food production. INDUCE will tackle these important challenges with an integrated approach to reconstructing the contextual life histories of over 2000 pottery vessels, enhancing chronological control of early pottery horizons through 600 14C dates, investigating the typology of several thousand vessels from across the study region, creating spatio‐temporal models for the spread of different pottery traditions and documenting the impact of the introduction of farming on the use of vessels for resource utilisation. This new understanding of pottery manufacture, dispersal and use across NE Europe will inspire a fundamental re‐evaluation of later hunter‐gatherer prehistory and culminate in an alternative narrative for the ‘Neolithisation’ of Europe.

Weitere Informationen: http://www.earlypottery.org/projects/innovation-dispersal-and-use-ceramics-ne-europe

Förderung: European Research Council (ERC Advanced Grant, PI: C. Heron) (Förderzeitraum: 2016-2021)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
Mitarbeiterin:
  • Prof. Dr. Henny Piezonka

 

Kooperationspartner: