Projekte und Ausgrabungen

Karte zu den Forschungsprojekten von H. Piezonka
Laufende Forschungen der Abteilung Anthropologische Archäologie in Eurasien. Grün: Taiga.

Nomaden der Taiga

Ethnoarchäologische Forschungen bei den Selkupen, einer mobilen Jäger-Fischer-Gemeinschaft in Sibirien

Die Taz-Selkupen leben im nördlichen Westsibirien zwischen Ob‘ und Enissej. Sie sind eine der letzten indigenen Gruppen, die ihre traditionelle Lebensweise als nomadische Jäger-Fischer und Rentierhalter in der Taiga bis heute bewahrt hat. Das Projekt bietet die einzigartige Chance, ethnoarchäologische Forschungen bei Wildbeutern der Waldzone zu durchzuführen. Eine besonders interessante Konstellation ergibt sich dadurch, dass die Selkupen erst im 17. Jahrhundert nach Norden an den Taz-Fluss gewandert sind, während der Großteil der Gruppe in den angestammten Gebieten im Süden in der Region Tomsk geblieben sind. Mit einer Kombination aus archäologischen, ethnologischen, linguistischen und naturwissenschaftlichen Methoden können hier Stadien und Facetten der durch eine solche Wanderung ausgelösten Adaptionsprozesse aus unterschiedlichen Blickwinkeln erforscht werden.

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Taz-Region, Westsibirien. Aufgelassenes Wohnzelt einer selkupischen Familie in der Taiga am Fluss Pokalka, Sommer 2016 (Foto: H. Piezonka).

Im August 2016 fand eine erste gemeinsame deutsch-russische Feldkampagne statt. Teams aus Ethnologen und Archäologen führten Surveys am Taz und seinen Nebenflüssen durch und dokumentierten zahlreiche bisher unbekannte archäologische Fundplätze sowie aufgelassene und heute noch genutzte Siedlungsplätze und Aktivitätszonen (Zelte, Erdhäuser, Rauchhäuser für Rentiere, Fischzäune etc.). Archäobotaniker und Geowissenschaftler widmeten sich Veränderungen der Vegetation durch menschliche Aktivitäten. Interviews mit den selkupischen Familien gaben Einblicke in die Hintergründe von Siedlungs- und Mobilitätsmustern, in die Alltagskultur und in die Nutzung und Bedeutung verschiedener materieller Objekte.

 

Förderung: Gerda Henkel Stiftung (Förderzeitraum: 2017-2018)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
 

 

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen:

Prof. Dr. Henny Piezonka; Prof. Dr. Wiebke Kirleis

Kooperationspartner:

 

Veksa, Nordwestrussland

8000 Jahre Kulturentwicklung in der nordosteuropäischen Waldzone

Zwei Studenten und eine Tasse KaffeeVeksa, Russland. Vermessung steinzeitlicher Holzpfähle am Ufer der Vologda bei Niedrigwasser im Herbst 2011 (Foto: H. Piezonka).

Der Fundplatz Veksa in Nordwestrussland stellt mit seiner einmaligen Stratigraphie und ausgezeichneten Erhaltungsbedingungen eine bedeutende Referenzfundstelle für die Vorgeschichte der nordosteuropäischen Waldzone dar. Das bis zu drei Meter mächtige Schichtpaket bietet dabei ideale Voraussetzungen für die Verzahnung von Kultur- und Umweltentwicklung seit dem 6. Jahrtausend v.Chr. Ein herausragender Befund sind pfahlbauartige Strukturen aus dem 4./3. Jahrtausend v. Chr. Ziel der 2015 gemeinsam mit dem Staatlichen Museum Vologda begonnenen neuen Feldforschungen sind Aussagen zu überregional bedeutsamen Aspekten wie der Ausbreitung technologischer Innovationen (frühe Keramik, Bronze- und Eisenmetallurgie), zur Peripherie großer Kulturkomplexe wie der Schnurkeramik und zur bisher ungeklärten Frage nach Beginn und Ablauf des Übergangs zur produzierenden Wirtschaftsweise. Erste Ergebnisse der Abteilung Umweltarchäologie des Kieler Instituts deuten darauf hin, dass Ackerbau in dieser Region möglicherweise erst im Mittelalter Einzug hielt. Zu den besonderen Ergebnissen der neuen Ausgrabungen zählt die Entdeckung zahlreicher sehr gut erhaltener hölzerner Reusen und Fischzaunreste aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., welche die zunehmende Bedeutung aquatischer Ressourcen gegen Ende der Steinzeit unterstreichen.

Zwei Studenten und eine Tasse KaffeeVeksa, Russland. Hölzerne Reuse im Uferbereich der Vologda, Ausgrabung 2016 (Illustration: Chr. Engel).

 

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (Förderzeitraum: 2015-2017)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen:

Prof. Dr. Henny Piezonka; Prof. Dr. Wiebke Kirleis; Dr. Magda Wieckowska-Lüth; Christoph Engel M.A.

Kooperationspartner:

 

 

Zwei Studenten und eine Tasse KaffeeVeksa, Russland. Jäger-Sammler Keramik des 5. - 3. Jahrtausends v.Chr. (Illustration: H. Piezonka).

 

Zwischen China und Ural

Die Entstehung der ältesten Keramiktraditionen in Transbaikalien und der Mongolei ab dem 12. Jahrtausend v. Chr.

Als um 18.000 v. Chr. große Gebiete der nördlichen Hemisphäre noch von kilometerdickem Gletschereis bedeckt waren, stellten ostasiatische Jäger und Sammler bereits Keramikgefäße her. In der Alten Welt war die Entstehung und Nutzung der ersten Tonware also keineswegs an den Übergang zur produzierenden Wirtschaftsweise gekoppelt. Aktuell wird die Frage diskutiert, ob sich die keramische Innovation bei den eurasischen Jäger-Sammlern von den ältesten Kerngebieten im Fernen Osten kontinuierlich in Richtung Westen bis nach Europa ausbreitete, oder ob es in dem riesigen Gebiet immer wieder zur unabhängigen Erfindung von Tongefäßen gekommen ist. Transbaikalien und die Mongolei sind für diese Fragestellung von zentraler Bedeutung. Doch gerade hier fehlte es bisher an einer modernen archäologischen Datengrundlage, und die Hinterlassenschaften der frühen Nacheiszeit (ca. 12. bis 7. Jahrtausend v. Chr.) sind weitgehend unerforscht.

Zwei Studenten und eine Tasse KaffeeTogootyn gol, Ostmongolei. Auf der Flussterrasse wurden Sondageschnitte zur Erfassung der stratigraphischen Abfolge angelegt (Foto: S. Lorenz).

Das deutsch-russisch-mongolische Kooperationsprojekt widmet sich der Entwicklung einer verlässlichen Datenbasis zur frühkeramischen Epoche in Transbaikalien und der Mongolei. Im Sommer 2014 fanden Feldforschungen an sieben vielversprechenden Plätzen statt. Bereits vor Abschluss aller Analysen und Auswertungen können wir die frühkeramische Epoche in Innerasien inzwischen besser konturieren. Erste Daten vom russischen Fundplatz Krasnaja Gorka an der Eravnoe-Seenplatte weisen auf ein spätpleistozänes Alter der frühen Tonware hin. Damit wäre erstmals der Nachweis dieses ältesten keramischen Horizontes im mittleren Transbaikalien gelungen. Auch in Kibalino an der Selenga kamen Reste von einfachen, schlecht gebrannten Gefäßen in einer Löss-Schicht zutage, die vom Ende der Eiszeit oder aus der frühen Nacheiszeit stammen dürfte. Auf den mongolischen Fundplätzen wurde eine etwas jüngere Phase der Keramiknutzung erfasst, die durch eine schnurabdruckverzierte Ware gekennzeichnet ist. Die neuen Daten eröffnen die Möglichkeit, diesen räumlich und zeitlich weit verbreiteten, aber schlecht erforschten frühen Keramiktyp chronologisch und kulturhistorisch besser einzuordnen.

 

Förderung: Gerda Henkel Stiftung (Förderzeitraum: 2014-2015)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
 

 

Kooperationspartner: