Anthropologische Archäologie

Icon der Anthropologische Archäologie Juniorprofessur für Anthropologische Archäologie

Prof. Dr. Henny Piezonka

Johanna-Mestorf-Str. 2-6, R.140
Telefon: +49 431 880-1621
Telefax: + 49 431 880-7300
hpiezonka@ufg.uni-kiel.de
Details

Sprechstunde: Mittwoch 14-15 Uhr
Lehrveranstaltungen im UnivIS

Die Verbindung von ur- und frühgeschichtlichen und kulturanthropologischen Theorien und Methoden ist Gegenstand der Anthropologischen Archäologie. Diese Synthese dient dem besseren Verständnis der Entwicklung vergangener menschlicher Gemeinschaften und ihrer kulturellen Praktiken. Ethnoarchäologische Untersuchungen dokumentieren Zusammenhänge zwischen menschlicher Tätigkeit und ihrem materiellen, archäologisch fassbaren Niederschlag; ethnographische Analogien werden dabei in ihren Möglichkeiten und Grenzen für die Interpretation archäologischer Fundplätze und Artefakte ausgelotet. Das Methodenspektrum verzahnt verschiedene Disziplinen und umfasst teilnehmende Beobachtung, Interviews, die Analyse mündlicher und schriftlicher Überlieferungen, aber auch Surveys und Ausgrabungen von Siedlungsplätzen, Wirtschaftseinrichtungen und anderen vom Menschen genutzten und geformten Orten. Die Juniorprofessur besteht seit 2016 und ist aktuell mit ihrer thematischen Ausrichtung einzigartig in Deutschland. Regionale Schwerpunkte der Feldforschung am Kieler Institut liegen in Sibirien und Innerasien.

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Professur

Dieser Ordner hat zur Zeit keinen Inhalt.

Projekte und Ausgrabungen

Projekte 2019

Laufende Forschungen der Abteilung Anthropologische Archäologie in Eurasien. Grün: Taiga.

Mesolithisches Gräberfeld Groß Fredenwalde, Brandenburg

 

Neue Forschungen am ältesten Bestattungsplatz in Norddeutschland

Der Weinberg bei Groß Fredenwalde ist nicht nur eine wichtige Landmarke der Uckermark, sondern auch Fundort einer archäologischen Sensation: Vor 8.500 Jahren haben auf dem Hügel mittelsteinzeitliche Menschen einen Bestattungsplatz angelegt. Die Universitäten Göttingen und Kiel sowie die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin erforschen den Platz gemeinsam mit der Landesarchäologie Brandenburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das zweijährige Forschungsprojekt, an dem die Universität Kiel über die Mit-antragstellerin Prof. Dr. Henny Piezonka beteiligt ist. Erste Gräber wurden schon 1962 bei Bauarbeiten auf dem Hügel entdeckt, doch die große Bedeutung des Platzes wurde erst vor wenigen Jahren bei Nachgrabungen deutlich. Ein Team unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Terberger vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen entdeckte unter anderem das Grab eines jungen Mannes, der mit Beigaben wie Knochenspitzen und Flintmessern in aufrechter Position seine letzte Ruhe fand. Zudem fanden die Forscher das Grab eines Kleinkindes, das mit rotem Ocker bestreut würdevoll beigesetzt worden war – bisher das älteste Grab auf dem Berg. „Bislang waren aus der Mittelsteinzeit wenige Einzelgräber oder kleine Grabgruppen der mobilen Jäger und Sammler bekannt“, sagt Terberger. „Der Bestattungsplatz in Groß Fredenwalde wurde offenbar bewusst von einer Gemeinschaft angelegt und über Jahrhunderte genutzt.“ Die Skelettreste auf dem Bestattungsplatz sind so gut erhalten, dass sie mit naturwissenschaftlichen Metho-den untersucht werden können. Die Mehrzahl der Grabstellen gehört in die Zeit um 6.000 vor Christus; eine datiert in die Zeit um 5.000 v.Chr., als bereits die ersten Bauern der Linienbandkeramik die Uckermark koloni-siert hatten. Das Gräberfeld eröffnet daher die Chance, die letzten Jäger und Sammler vor und nach dem Be-ginn der „neolithischen Revolution“ in Norddeutschland zu studieren und durch Pollenanalysen, durchgeführt von der Abteilung für Umweltarchäologie und Archäobotanik der Universität Kiel, auch Umweltveränderungen in den Blick zu nehmen. Ob es in dieser Zeit schon zu Vermischungen zwischen Ureinwohnern und ersten Bauern gekommen ist, soll durch genetische Analysen mit Unterstützung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena geklärt werden.

Groß Fredenwalde 2019: Lehrgrabung der Universitäten Kiel und Göttingen.

Groß Fredenwalde 2019: Lehrgrabung der Universitäten Kiel und Göttingen (Foto: rbb/Alexander Wolk).

Im Sommer 2019 fanden erste Feldforschungen im Rahmen des DFG-Projekts statt. Im Frühjahr wurde durch die Projektpartner der HTW Berlin eine Blockbergung einer Bestattung durchgeführt, deren Analyse unter Laborbedingungen derzeit läuft. Bei weiteren Ausgrabungen im August und September 2019 unter Beteiligung von Studierenden der Universitäten Kiel und Göttingen im Rahmen einer Lehrgrabung konnten zwei weitere Körpergräber lokalisiert werden. Im Herbst werden erste Seebohrungen zur Gewinnung von Sedimentkernen für Untersuchungen zur Vegetations- udn Landschaftsentwicklung durchgeführt. Hier arbeiten Spezialisten der Universität Greifswald (Dr. Sebastian Lorenz) und Archäobotaniker der Universität Kiel (Dr. Magdalena Wieckowska-Lüth) Hand in Hand.

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (Förderzeitraum: 2019-2021)

 

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Mitarbeiterinnen:
  • Prof. Dr. Henny Piezonka (Projektleitung, Archäologie)
  • Dr. Magdalena Wieckowska-Lüth (Palynologie)

 

Projektpartner:
  • Prof. Dr. Thomas Terberger, Göttingen University (Projektleitung)
  • Prof. Dr. Franz Schopper, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege (Projektleitung)
  • Prof. Dr. Thomas Schenk, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (Projektleitung)

 

INDUCE - The Innovation, Dispersal and Use of Ceramics in NE Europe

 

The origins, adoption and use of pottery vessels are among archaeology’s most compelling issues. Pottery vessels are no longer viewed in western archaeology as a material correlate of sedentary farming life in the Neolithic. Despite recognition of pottery vessels in hunter‐gatherer contexts in some parts of northern Europe and the former Soviet Union, their impact on, and role in, hunter-gatherer lifeways has been regarded as peripheral to mainstream European prehistory. The project seeks to rebalance the evidence and the debate, placing the innovation, dispersal and use of pottery vessels among hunter‐gatherers in NE Europe at the heart of the enquiry. Virtually nothing is known of the choices underlying the adoption of pottery vessels or the uses to which they were put. Similarly, there is little understanding of the environmental contexts that led to the emergence of pottery or the timing and dynamics of its apparent westward dispersal across NE Europe, nor its legacy following the introduction of food production. INDUCE will tackle these important challenges with an integrated approach to reconstructing the contextual life histories of over 2000 pottery vessels, enhancing chronological control of early pottery horizons through 600 14C dates, investigating the typology of several thousand vessels from across the study region, creating spatio‐temporal models for the spread of different pottery traditions and documenting the impact of the introduction of farming on the use of vessels for resource utilisation. This new understanding of pottery manufacture, dispersal and use across NE Europe will inspire a fundamental re‐evaluation of later hunter‐gatherer prehistory and culminate in an alternative narrative for the ‘Neolithisation’ of Europe.

Weitere Informationen: http://www.earlypottery.org/projects/innovation-dispersal-and-use-ceramics-ne-europe

Förderung: European Research Council (ERC Advanced Grant, PI: C. Heron) (Förderzeitraum: 2016-2021)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
Mitarbeiterin:
  • Prof. Dr. Henny Piezonka

 

Kooperationspartner:

 

Nomaden der Taiga: Ethnoarchäologie in Westsibirien

 

Ethnoarchäologische Forschungen bei den Selkupen, einer mobilen Jäger-Fischer-Gemeinschaft in Sibirien

Die Taz-Selkupen leben im nördlichen Westsibirien zwischen Ob‘ und Enissej. Sie sind eine der letzten indigenen Gruppen, die ihre traditionelle Lebensweise als nomadische Jäger-Fischer und Rentierhalter in der Taiga bis heute bewahrt hat. Das Projekt bietet die einzigartige Chance, ethnoarchäologische Forschungen bei Wildbeutern der Waldzone zu durchzuführen. Eine besonders interessante Konstellation ergibt sich dadurch, dass die Selkupen erst im 17. Jahrhundert nach Norden an den Taz-Fluss gewandert sind, während der Großteil der Gruppe in den angestammten Gebieten im Süden in der Region Tomsk geblieben sind. Mit einer Kombination aus archäologischen, ethnologischen, linguistischen und naturwissenschaftlichen Methoden können hier Stadien und Facetten der durch eine solche Wanderung ausgelösten Adaptionsprozesse aus unterschiedlichen Blickwinkeln erforscht werden.

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Taz-Region, Westsibirien. Aufgelassenes Wohnzelt einer selkupischen Familie in der Taiga am Fluss Pokalka, Sommer 2016 (Foto: H. Piezonka).

Im August 2016 fand eine erste gemeinsame deutsch-russische Feldkampagne statt. Teams aus Ethnologen und Archäologen führten Surveys am Taz und seinen Nebenflüssen durch und dokumentierten zahlreiche bisher unbekannte archäologische Fundplätze sowie aufgelassene und heute noch genutzte Siedlungsplätze und Aktivitätszonen (Zelte, Erdhäuser, Rauchhäuser für Rentiere, Fischzäune etc.). Archäobotaniker und Geowissenschaftler widmeten sich Veränderungen der Vegetation durch menschliche Aktivitäten. Interviews mit den selkupischen Familien gaben Einblicke in die Hintergründe von Siedlungs- und Mobilitätsmustern, in die Alltagskultur und in die Nutzung und Bedeutung verschiedener materieller Objekte.

Fischer Taz

Taz-Region, Westsibirien. Selkupischer Fischer in seinem Einbaum bei der täglichen Kontrolle der Netze, Sommer 2017 (Foto: C. Engel).

In den Sommern 2017 und 2018 wurden die Surveys am Taz und seinem Nebenfluss Pokalky fortgesetzt. Für mehrere archäologische Fundplätze mit Grubenhäusern, aber auch für rezente Sommer- und Wintersiedlungen selkupischer Familien konnten konnten 3D-Geländemodelle und fotogrammetrische Pläne erstellt werden. Im Beisein eines ehemaligen Bewohners wurde ein Winterhaus aus dem Jahr 1982 archäologisch untersucht. Im Gespräch mit dem noch heute mobil lebenden Jäger, Fischer und Rentierhalter konnten zahlreiche Informationen zum Baugeschehen, zu Grundriss und Raumnutzung sowie zur Lebens- und Wirtschaftsweise der Bewohner erfasst werden, welche die archäologisch sichtbaren Informationen ergänzen und wertvolle Belege für die verschiedenen lebensweltlichen Hintergründe der Entstehung von Mustern materieller Kultur liefern.

Winterhaus

Taz-Region, Westsibirien. Höhenmodell des Winterhauses der Familie Irikov von 1982 während der Ausgrabung mit Resten der Erdschüttung und den zugehörigen Erdentnahmegruben, Sommer 2017 (Grafik: P. Kramarenko / M. Oczipka).

 

 

Förderung: Gerda Henkel Stiftung (Förderzeitraum: 2017-2018)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
 
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen:

Prof. Dr. Henny Piezonka; Prof. Dr. Wiebke Kirleis; Christoph Engel M.A.

Kooperationspartner:

 

Stone Age hunter-gatherer fortifications

 

Defending the Taiga - The phenomenon of fortified Stone Age hunter-gatherer settlements in Western Siberia

When do hunter-gatherers build fortifications? What are the reasons for the construction of complex enclosed settlements, and what role do they play in the negotiation and appropriation of space? These questions touch on a central but underexplored field in current anthropological debates on peace, war and the human nature. The emergence of fortified sites among Stone Age hunter-gatherers in the Western Siberian taiga in the 7th-6th millennium BC is an outstanding and unique phenomenon in world prehistory. Although representing one of the earliest instances of communities enclosing and fortifying their settlements worldwide, the phenomenon has not been recognized beyond regional Russian archaeology and remains virtually unknown in the wider scientific community.

Amnya 1, 2019

Stone Age house pit and contemporary Khanty bird trap on Amnya 1 promontory fort, Western Siberia, summer 2019 (photo: H. Piezonka).

The early enclosed sites in the taiga coincided with a range of other innovations that bear witness to substantial sociocultural and economic changes, among them the appearance of pottery vessels, the foundation of sacrificial mounds, and a decrease in residential mobility reflected by the rise of pit houses. It is unclear, however, what led to such complex hunter-gatherer life ways with new enclosed complex settlement types. Did intergroup conflicts develop that were severe and foreseeable enough to necessitate the construction of defences? Did ritual or communal drivers lead to new forms of appropriating space and landscape? Which internal social and cultural mechanisms, external influences and environmental factors have been at play in these processes? Further peaks of fortification construction in the Siberian taiga occur in the Iron Age and in early modern times. Ethnohistorical and historic archaeological evidence in Western Siberia indicates that such defences were protecting hunter-fisher communities from raids of other foraging groupsand of herding nomads, both from the steppe, taiga and the tundra. The evidence also shows that complex agglomerated and partly subterranean settlements in the north can, besides a defensive function, also be connected to the climatic conditions in the Siberian winters. Investigations of the phenomenon of the Stone Age Siberian complex enclosed settlements have the potential to open up a new facet in hunter-gatherer archaeology and to enhance the understanding of the rise and effects of intergroup conflict in acephalous, heterarchical societies.

Kayukovo, helikopter

Helikopter transport to Kayukovo, Western Siberia, summer 2018 (photo: S. Lips).

Kayukovo, geophysics

Kiel students conducting geomagnetic survey of 7000 year old house pit, Kayukovo, Western Siberia, summer 2018 (photo: S. Lips).

Since 2016, Russian and German scholars from various scientific institutions collaborate in the investigation of this phenomenon in Western Siberia. New targeted fieldwork is devoted to the study of early Holocene settlement systems and defensive constructions, employing an integrated multi-proxy approach including survey, small-scale excavation and radiocarbon dating as well as geoscientific, zooarchaeological and archaeobotanical studies. In 2016 to 2019, pilot studies have been carried out on the sites of Mergen 6 in the Ishim forest steppe, on Kayukovo 2 in the middle Ob’ region, and on the promontory fort of Amnya 1 in the northern taiga. First results of this ongoing research already now provide new information on structure, function and chronology of the sites and on their environmental and cultural setting. On this basis external influences, internal social and cultural mechanisms, and environmental factors at play are investigated. The results will lead to a better understanding of the character of the sites and of their position within the cultural landscape and the intergroup dynamics of this period in the forest steppe and taiga zone. The pilot studies have been partly been supported by the Kiel Cluster of Excellence “ROOTS - Social, Environmental, and Cultural Connectivity in Past Societies”.

Mergen drilling

Russian cooperation partners extracting core for pollen analysis at Lake Mergen close to Mergen 6 Stone Age settlement, spring 2019 (photo: TSC, SB RAN).

Mitarbeiterin:
  • Prof. Dr. Henny Piezonka

 

Kooperationspartner:
 
Steinzeitsiedlung Veksa, Nordwestrussland

 

8000 Jahre Kulturentwicklung in der nordosteuropäischen Waldzone

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Veksa, Russland. Vermessung steinzeitlicher Holzpfähle am Ufer der Vologda bei Niedrigwasser im Herbst 2011 (Foto: H. Piezonka).

Der Fundplatz Veksa in Nordwestrussland stellt mit seiner einmaligen Stratigraphie und ausgezeichneten Erhaltungsbedingungen eine bedeutende Referenzfundstelle für die Vorgeschichte der nordosteuropäischen Waldzone dar. Das bis zu drei Meter mächtige Schichtpaket bietet dabei ideale Voraussetzungen für die Verzahnung von Kultur- und Umweltentwicklung seit dem 6. Jahrtausend v.Chr. Ein herausragender Befund sind pfahlbauartige Strukturen aus dem 4./3. Jahrtausend v. Chr. Ziel der 2015 gemeinsam mit dem Staatlichen Museum Vologda begonnenen neuen Feldforschungen sind Aussagen zu überregional bedeutsamen Aspekten wie der Ausbreitung technologischer Innovationen (frühe Keramik, Bronze- und Eisenmetallurgie), zur Peripherie großer Kulturkomplexe wie der Schnurkeramik und zur bisher ungeklärten Frage nach Beginn und Ablauf des Übergangs zur produzierenden Wirtschaftsweise. Erste Ergebnisse der Abteilung Umweltarchäologie des Kieler Instituts deuten darauf hin, dass Ackerbau in dieser Region möglicherweise erst im Mittelalter Einzug hielt. Zu den besonderen Ergebnissen der neuen Ausgrabungen zählt die Entdeckung zahlreicher sehr gut erhaltener hölzerner Reusen und Fischzaunreste aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., welche die zunehmende Bedeutung aquatischer Ressourcen gegen Ende der Steinzeit unterstreichen.

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Veksa, Russland. Hölzerne Reuse im Uferbereich der Vologda, Ausgrabung 2016 (Illustration: Chr. Engel).

 

Förderung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (Förderzeitraum: 2015-2018)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen:

Prof. Dr. Henny Piezonka; Prof. Dr. Wiebke Kirleis

Kooperationspartner:

 

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Veksa, Russland. Jäger-Sammler Keramik des 5. - 3. Jahrtausends v.Chr. (Illustration: H. Piezonka).

 

Zwischen China und Ural: Auf den Spuren der ältesten Wildbeuterkeramik

 

Die Entstehung früher Keramiktraditionen in Transbaikalien und der Mongolei ab dem 12. Jahrtausend v. Chr.

Als um 18.000 v. Chr. große Gebiete der nördlichen Hemisphäre noch von kilometerdickem Gletschereis bedeckt waren, stellten ostasiatische Jäger und Sammler bereits Keramikgefäße her. In der Alten Welt war die Entstehung und Nutzung der ersten Tonware also keineswegs an den Übergang zur produzierenden Wirtschaftsweise gekoppelt. Aktuell wird die Frage diskutiert, ob sich die keramische Innovation bei den eurasischen Jäger-Sammlern von den ältesten Kerngebieten im Fernen Osten kontinuierlich in Richtung Westen bis nach Europa ausbreitete, oder ob es in dem riesigen Gebiet immer wieder zur unabhängigen Erfindung von Tongefäßen gekommen ist. Transbaikalien und die Mongolei sind für diese Fragestellung von zentraler Bedeutung. Doch gerade hier fehlte es bisher an einer modernen archäologischen Datengrundlage, und die Hinterlassenschaften der frühen Nacheiszeit (ca. 12. bis 7. Jahrtausend v. Chr.) sind weitgehend unerforscht.

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Togootyn gol, Ostmongolei. Auf der Flussterrasse wurden Sondageschnitte zur Erfassung der stratigraphischen Abfolge angelegt (Foto: S. Lorenz).

Das deutsch-russisch-mongolische Kooperationsprojekt widmet sich der Entwicklung einer verlässlichen Datenbasis zur frühkeramischen Epoche in Transbaikalien und der Mongolei. Im Sommer 2014 fanden Feldforschungen an sieben vielversprechenden Plätzen statt. Bereits vor Abschluss aller Analysen und Auswertungen können wir die frühkeramische Epoche in Innerasien inzwischen besser konturieren. Erste Daten vom russischen Fundplatz Krasnaja Gorka an der Eravnoe-Seenplatte weisen auf ein spätpleistozänes Alter der frühen Tonware hin. Damit wäre erstmals der Nachweis dieses ältesten keramischen Horizontes im mittleren Transbaikalien gelungen. Auch in Kibalino an der Selenga kamen Reste von einfachen, schlecht gebrannten Gefäßen in einer Löss-Schicht zutage, die vom Ende der Eiszeit oder aus der frühen Nacheiszeit stammen dürfte. Auf den mongolischen Fundplätzen wurde eine etwas jüngere Phase der Keramiknutzung erfasst, die durch eine schnurabdruckverzierte Ware gekennzeichnet ist. Die neuen Daten eröffnen die Möglichkeit, diesen räumlich und zeitlich weit verbreiteten, aber schlecht erforschten frühen Keramiktyp chronologisch und kulturhistorisch besser einzuordnen.

 

Förderung: Gerda Henkel Stiftung (Förderzeitraum: 2014-2015)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
 
Kooperationspartner:

 

Verlassene Städte in der Steppe

 

Seit 2019 untersucht ein mongolisch-deutsches Forschungsprojekt im Programm „Lost Cities“ der Gerda Henkel Stiftung Rollen und Wahrnehmung frühneuzeitlicher religiöser und militärischer Zentren in der nomadisch geprägten Mongolei.

Die Abwanderung der Menschen vom Land in größere Zentren, aber auch die gewaltsame Zerstörung von Siedlungen und Städten sind Phänomene, die die Weltgeschichte seit vielen tausend Jahren prägen. Parallel dazu entstehen schrumpfende und gänzlich verlassene Städte, sogenannte Lost Cities, vergessene Orte in ländlichen Regionen, deren ursprüngliche Bedeutung unterschiedlich fortwirken kann. Auch in der von nomadischer Lebensweise geprägten Mongolei finden sich solche verlassenen urbanen Plätze. Als frühere Zentren sesshaften Lebens leisten sie bis heute einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität des Landes, den es zu genauer zu entschlüsseln gilt. Es sind das tradierte Hirtennomadentum, die Rezeption chinesischer und tibeto-buddhistischer Einflüsse und die kaum einhundert Jahre zurückliegende Staatsgründung als Volksrepublik, die dieses Feld im kulturellen Gedächtnis bestimmen.

Khangaj-Gebirge, Mongolei, Grabungen 2019

Umwallte und offene Siedlungsanlagen der frühen Neuzeit im Khangaj-Gebirge, Zentrale Mongolei (Foto: Sara Jagiolla / CAU Kiel).

Khangaj-Gebirge, Mongolei, Kieler Studierende

Sondageschnitte an einer Hausgrube der Wallanlage: Teamarbeit von Kieler Studierenden und Forschern der Mongolischen Akademie der Wissenschaften (Foto: Sara Jagiolla / CAU Kiel).

Die Erforschung dieses Spannungsfeldes hat sich ein neues ethnoarchäologisches Projekt Forschungsprojekt an der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) zum Ziel gesetzt. Das Projekt „Verlassene Städte in der Steppe: Rolle und Wahrnehmung religiöser und militärischer Zentren in der nomadisch geprägten Mongolei“ kontrastiert dabei buddhistische Klostersiedlungen mit vermutlichen Militärlagern mandschurischer Besatzer während der Qing-Dynastie (1616-1911). Es will neue Erkenntnisse über verschiedene Facetten des urbanen Lebens in der frühneuzeitlichen Mongolei gewinnen und untersuchen, wie sie das kulturelle Gedächtnis über mehrere Generationen hinweg bis in die heutige Zeit prägen. Aktuell führen etwa 30 Prozent der mongolischen Bevölkerung ein Leben als Nomaden. Diese mobile Lebensweise ist ebenso wesentlicher Bestandteil der kulturellen Identität wie auch der Bezug zum Aufstieg des mongolischen Reiches unter der Führung der Großkhane – allen voran Dschingis Khan - im 13. und 14. Jahrhundert. Weniger ist dagegen über die folgenden Jahrhunderte bekannt, als die Mongolei unter der Dominanz der chinesischen Ming-Dynastie und später der mandschurischen Qing-Dynastie stand.

Khangaj-Bebirge, Mongolei: Stipendiatin E. Chadraabal

Die Kieler Promotionsstipendiatin Enkhtuul Chadraabal bei der Untersuchung der Siedlungsschichten, September 2019 (Foto: Sara Jagiolla / CAU Kiel).

Shankh-Kloster, Mongolei, Prof. Martin Oczipka

Projektpartner Prof. Dr. Martin Oczipka von der HTW Dresden widmet sich der Erstellung hochauflösender 3D-Modelle der untersuchten Siedlungs- und Klosteranlagen (Foto: Sara Jagiolla / CAU Kiel).

Das Wissen über diese Zeit zu erweitern und ihr Fortwirken bis in die Gegenwart zu untersuchen, steht im Zentrum des neuen Forschungsprojektes. Dazu werden in einem interdisziplinären Ansatz ethnographische Forschung, archäologische Feldarbeit und Verfahren der Fernerkundung kombiniert. Um zu untersuchen, wie sich die Geschichte bis heute im Bewusstsein der lokalen Bevölkerung widerspiegelt, werden Interviews mit den Menschen vor Ort geführt und ausgewertet. Erste interdisziplinäre Feldarbeiten im September 2019 haben bereits neue Erkenntnisse zur Datierung der vermutlichen Militäranlagen, zu Baustrukturen klösterlicher Plätze und zur Wahrnehmung und Interpretation der Anlagen bei der lokalen nomadischen Bevölkerung erbracht.

Die Forschungen werden von der Gerda-Henkel-Stiftung im Rahmen des Förderschwerpunktes „Lost Cities – Wahrnehmung von und Leben mit verlassenen Städten in den Kulturen der Welt“ seit 2019 gefördert. Besonders hervorzuheben ist die Förderung von drei Nachwuchswissenschaftler*innen durch Forschungs- und Promotionsstipendien (Enkhtuul Chadraabal, Archäologie und Bauforschung; Jonathan Ethier, Archäologie; Dr. Christian Ressel, Mongolistik) innerhalb des Projektes. Projektpartner sind die Mongolische Akademie der Wissenschaften (Prof. Dr. Chuluun Sampildonov), die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (Prof. Dr. Henny Piezonka), die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (Prof. Dr. Martin Oczipka) sowie Dr. Birte Ahrens (Bonn). Eine intensive Zusammenarbeit besteht auch mit dem Deutschen Archäologischen Institut (Dr. Christina Franken).

Projektteam

Das Projektteam in Ulaanbaatar, September 2019 (von links): Prof. Dr. Ch. Sampil. (MAS), Dr. Chr. Ressel, J. Ethier, Prof. Dr. H. Piezonka (alle CAU Kiel), E. Chadraabal (MAS / CAU Kiel), Dr. A. Khasbagana (Koordination und Administration Mongolei). Nicht im Bild: Prof. Dr. M. Oczipka (HTW Dresden), Dr. B. Ahrens (Bonn) (Foto: Ch. Sampild.).

Förderung: Gerda Henkel Stiftung (Förderzeitraum: 2019-2021)

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

 
 
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:
  • Prof. Dr. Henny Piezonka (Projektleiterin, Archäologie und Kulturanthropologie)
  • Enkhtuul Chadraabal (Stipendiatin, Archäologie und Bauforschung)
  • Jonathan Ethier (Stipendiat, Archäologie)
  • Dr. Christian Ressel (Stipendiat, Kulturanthropologie und Mongolistik)
 
Projektpartner:
 
Kooperationspartner: